CEO und CFO im Gespräch

Von links nach rechts:
MARKUS BLANKA-GRAFF, CFO
DR. DETLEF TREFZGER, CEO

 

 

Herr Dr. Trefzger, Herr Blanka-Graff, die Zeiten sind unruhig. Neue Handels-barrieren werden errichtet oder angekündigt, Digitalisierung und Technologisierung verändern Geschäftsmodelle ganzer Industrien. Wie ordnen Sie vor diesem Hintergrund das Geschäftsjahr 2018 ein? 

Dr. Detlef Trefzger (DT): 2018 war für unser Unternehmen wiederum ein sehr erfolgreiches Jahr mit neuen Bestmarken im Nettoumsatz, Rohertrag und beim EBIT. Wir haben nach einem turbulenten Vorjahr in unserem grössten Geschäftsbereich, der Seefracht, unsere weltweit führende Position weiter ausbauen können und genauso wie in der Luftfracht Wachstumsraten deutlich über dem Marktwachstum erzielt. Im Landverkehr konnten wir dank einer sehr klaren Strategie unsere Erfolgsstory fortschreiben. Auch in der Kontraktlogistik sind wir sowohl im Nettoumsatz als auch im Rohertrag deutlich stärker als der Markt gewachsen.

Markus Blanka-Graff (MBG): Der wichtigste Gradmesser ist für uns die Conversion Rate, das Verhältnis von EBIT zu Rohertrag. Im abgelaufenen Geschäftsjahr erreichten wir in den Netzwerkverkehren wiederum eine hohe Conversion Rate. Weil wir wie geplant nennenswerte Ausgaben für die operativen Systeme getätigt haben, liegt der EBIT in der Kontraktlogistik unterhalb des Vorjahresniveaus.

“Unser Ziel ist es, für unsere Kunden ein wichtiger Partner in der Transformation ihrer eigenen Geschäftsmodelle zu sein. Wir leisten damit einen relevanten Beitrag zu ihrem Erfolg.”

Dr. Detlef Trefzger

Was treibt Ihren Erfolg?

DT: Das ist relativ einfach zu beschreiben: Bei uns steht immer der Kundennutzen im Mittelpunkt. Das gilt für teil-automatisierte Speditionsleistungen ebenso wie für unsere hochspezialisierten industriespezifischen Lösungen. Zwei Beispiele: Wir haben 2018 unsere KN InteriorChain eingeführt, die weltweit erste modulare Lösung, mit der wir Kunden eine integrierte Lieferkette für die Sanierung von Flugzeuginnenräumen anbieten. Bei der Generalüberholung der Innenausstattung sind für die Kunden kurze Standzeiten von grösster Bedeutung. Wir haben im vergangenen Jahr für mehrere Airline-Kunden KN InteriorChain-Lösungen etabliert. Einen wichtigen Durchbruch haben wir im abgelaufenen Jahr bei einem weiteren innovativen Angebot geschafft, der KN BatteryChain, mit der wir den multimodalen Transport und die Lagerung über den gesamten Lebenszyklus von Lithium-Batterien abdecken. Dieses hochspezialisierte Handling ist für unsere Kunden von hoher Bedeutung, weil Lithium-Batterien Gefahrgüter sind. Wir freuen uns sehr, dass wir hier einen grossen Auftrag eines sehr renommierten Kunden gewinnen konnten.

Wie wirken sich die häufig diagnostizierten fundamentalen Umwälzungen in allen Bereichen der Wirtschaft auf das Geschäft von Kühne + Nagel aus?

DT: In der Tat beobachten wir seit längerem eine tiefgehende Transformation aller Prozesse. Mit unserem strategischen Programm „Leading the Transformation“ haben wir den Anspruch formuliert, diese Entwicklung für unsere Kunden und uns selbst aktiv zu gestalten. Und was die weltwirtschaftliche Situation angeht: Selbstverständlich war das vergangene Jahr von Ungewissheiten über mögliche Handelshemmnisse und Streitigkeiten zwischen führenden Volkswirtschaften bestimmt. Andererseits war die Beschäftigungsrate in vielen wichtigen Volkswirtschaften so hoch wie nie bei gleichzeitig tieferer Steuerquote. Das hat insbesondere in den ersten drei Quartalen zu einer hohen Zuversicht der Konsumenten geführt. Und die Konsumenten sind es, die letztlich die Volumina in den Lieferketten bestimmen.

Wo stehen Sie heute in der Umsetzung des strategischen Programms?

MBG: Unser strategisches Programm hat einen zeitlichen Rahmen bis ins Jahr 2022. Mit ihm richten wir unser Unternehmen auf das sich verändernde Umfeld aus. Wir treiben die Automatisierung und Technologisierung weiter voran. Ein wichtiger Indikator ist hier der Anteil der Transporte, die über sogenannte e-Touch-Lösungen als teil-automatisierte Speditionsleistungen durchgeführt werden. Dies ist für uns strategisch von besonderer Bedeutung, weil wir mit e-Touch-Lösungen und der dahinter stehenden Automatisierung hohe Volumenzuwächse bei geringem Mehraufwand erzielen können. Damit steigt die Conversion Rate.

DT: Eine unserer wesentlichen Stärken als Unternehmen ist, dass wir neben diesen teil-automatischen Abwicklungen hochspezialisierte, auf die Anforderungen der jeweiligen Industrien ausgerichtete Lösungen anbieten, wie beispielsweise KN PharmaChain oder die genannten KN InteriorChain und KN BatteryChain. In beiden Bereichen – den automatisierten Abwicklungen wie den spezialisierten Lösungen – verzeichnen wir weiterhin ein starkes Wachstum.

All das bringt viele Veränderungen mit sich. Wie reagieren Ihre Mitarbeitenden?

DT: Unser Geschäftsmodell basiert heute und in Zukunft auf Menschen – trotz aller Automatisierung in Teilbereichen. Ich bin davon überzeugt, dass wir die besten Mitarbeitenden in unserer Industrie haben – und ich sage das mit einigem Stolz. Das zeigt sich auch in der Reaktion unserer Mitarbeitenden auf das strategische Programm: Sie haben es mit einer Mischung aus Neugier und Enthusiasmus aufgenommen und setzen es mit genau dieser Haltung um. Dieses Engagement spiegelt sich in den hohen Zustimmungsraten, die eine Befragung unserer Mitarbeitenden ein Jahr nach der Implementierung des Programms ergeben hat. Für ihre erfolgreiche Arbeit danke ich allen Mitarbeitenden herzlich.

“Um unsere strategischen Ziele 2022 zu erreichen, konzentrieren wir uns auf organisches Wachstum. Gezielte Akquisitionen ergänzen unser Portfolio.”

Markus Blanka-Graff

Die Logistik ist eine stark segmentierte Industrie. Wollen Sie in diesem Umfeld Wachstum auch durch Akquisitionen erzielen?

MBG: Uns geht es zunächst um organisches Wachstum. Um unsere strategischen Ziele 2022 zu erreichen, benötigen wir keine Akquisitionen! Aber wir haben eine aktive M+A-Strategie. Zukäufe kommen für uns in Frage, wenn wir Knowhow in Nischen erwerben können, in denen wir bisher nicht sehr stark vertreten sind, oder wenn wir unsere lokale Präsenz stärken können, wie wir es 2018 mit zwei Akquisitionen in China und Indonesien erfolgreich gemacht haben. Wir wachsen sicher nicht um jeden Preis, aber dort, wo es sinnvoll ist, sind wir auch zu grösseren Akquisitionen bereit. Das haben wir im abgelaufenen Jahr mit der Akquisition von Quick International Courier gezeigt, mit der wir unser Angebot im Bereich der zeitkritischen Lieferungen bedeutend erweitern konnten.

Stichwort Technologisierung: Sie haben im abgelaufenen Geschäftsjahr wiederum stark auf neue Technologien gesetzt. Welches sind die wichtigsten?

DT: Big Data und Predictive Analytics helfen uns, Supply Chains zu optimieren. Beispielsweise nutzen wir die enorme operativ gewonnene Datenmenge – ergänzt durch externe Daten –, um den Kunden auf unserer digitalen Seefracht-Plattform Sea Explorer detaillierte Vergleichsmöglichkeiten zu bieten. Die Kunden können ihre Transporte nach Kriterien wie Verlässlichkeit, Kapazität oder CO2-Ausstoss planen. Nachhaltiges Wirtschaften ist nicht nur für unser Unternehmen, sondern auch für unsere Kunden längst ein Entscheidungskriterium. Daneben haben wir im abgelaufenen Jahr mit KN ESP eine digitale Plattform für das Lieferantenmanagement eingeführt, die wir internationalen Supply-Chain-Kunden anbieten.

MBG: Auch im Finanzbereich nutzen wir neue Technologien erfolgreich. Wir haben eine digitale Plattform in den Markt gebracht, die es durch die Integration eines externen Finanzanbieters ermöglicht, die elektronischen Rechnungen unserer Lieferanten sehr viel schneller als bisher zu begleichen. Dafür sind wir von der Supply Chain Finance Community mit einem renommierten Preis ausgezeichnet worden.

Viel wird zurzeit über die Blockchain-Technologie gesprochen. Wo sehen Sie Anwendungsbereiche in der Logistik?

DT: Die Blockchain-Technologie kann dort gewinnbringend eingesetzt werden, wo es um den manipulationssicheren, verlässlichen und verifizierten Austausch von Daten geht. Sie kann insbesondere beim Setzen von Standards für Daten und den Informationsaustausch ein Katalysator sein. Die Blockchain wird unser Geschäft vereinfachen, aber nicht von Grund auf verändern. Wir nutzen die Vorteile dieser Technologie bereits in einer realen Seefracht-Anwendung, bei der 800.000 Transaktionen im Monat abgewickelt werden.

Kommen wir zurück auf den Anfang des Gesprächs. Wie schauen Sie auf die Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Umfelds?

DT: Ende letzten Jahres hat sich die Konjunktur deutlich abgeschwächt. Wir sehen jedoch für 2019 weiterhin ein Wachstum der Weltwirtschaft, wenn auch nicht mehr ganz so stark wie im Vorjahr. Und was die politischen Entwicklungen angeht: Selbstverständlich befürworten wir einen möglichst freien Welthandel. Wenn es zu zusätzlichen Handelsbarrieren kommt, muss mittelfristig der Endkonsument die dadurch entstehenden höheren Preise bezahlen. Ich bin fest davon überzeugt: Der freie Handel ist die Basis des weltweiten Wohlstandes!

Sie haben die Conversion Rate als Gradmesser Ihres Erfolgs benannt. Vor einiger Zeit haben Sie als Ziel eine Conversion Rate von 16 Prozent ausgegeben. Wie nahe sind Sie diesem Ziel?

DT: Das Ziel, eine Conversion Rate von 16 Prozent zu erreichen, haben wir uns für 2022 gesetzt, und zwar für die gesamte Gruppe. Die Automatisierung von Standardprozessen bei gleichzeitigen Volumenzuwächsen ist ein wichtiger Faktor, um dieses mittelfristige Ziel zu erreichen.

MBG: Wir rechnen mit den grössten Effekten übrigens in den Jahren 2020 und 2021.

Und welches sind Ihre wichtigsten kurzfristigen Ziele für 2019?

DT: Unser Ziel ist es immer, einen relevanten Beitrag zum Erfolg unserer Kunden zu liefern und ihnen ein wichtiger Partner in der Transformation ihrer eigenen Geschäftsmodelle zu sein. Für unsere Gruppe haben wir den Anspruch, in den Geschäftsbereichen doppelt so stark wie der Gesamtmarkt zu wachsen. 2019 wird noch einmal ein Jahr der Investitionen, in dem wir die Ausrollung unserer operativen Systeme AirLOG Anfang des Jahres abschliessen und SeaLOG planmässig fortführen werden. Zudem werden wir viele weitere wichtige strategische Projekte über die Ziellinie bringen. Insgesamt erwarten wir für 2019 ein gutes, wenn auch herausforderndes Jahr.

 

Kühne + Nagel-Geschäftsleitung

DR. DETLEF TREFZGER, CEO

MARKUS BLANKA-GRAFF, CFO

HORST JOACHIM SCHACHT, Seefracht

 

YNGVE RUUD, Luftfracht

STEFAN PAUL, Landverkehre

GIANFRANCO SGRO, Kontraktlogistik

LOTHAR HARINGS, Personal

MARTIN KOLBE, Informationstechnologie